Mehr Wissen. Weniger Training.

Mehr Wissen. Weniger Training.

Ask the Coach #72

Frage:  Hallo Wolfgang, ich habe eine Frage für den Podcast. Wenn du dir die Entwicklung des Krafttrainings in den letzten 20 Jahren ansiehst, gibt es heute unzählige neue Trainingsmethoden, Geräte und Konzepte. Gleichzeitig habe ich manchmal den Eindruck, dass zwar mehr über Training gesprochen wird als früher, aber immer weniger Menschen wirklich trainieren. Täuscht dieser Eindruck oder siehst du das ähnlich? Und welche Entwicklungen hältst du tatsächlich für sinnvoll? Danke dir und viele Grüße

Antwort: Ich teile diesen Eindruck grundsätzlich.

Vor 20 Jahren wurde deutlich weniger über Krafttraining diskutiert.

Es gab praktisch keine Podcasts, kein Social Media und deutlich weniger Menschen, die ihre Meinung zum optimalen Training veröffentlicht haben. Gleichzeitig hatte ich häufig den Eindruck, dass im Studio einfach trainiert wurde.

Das soll nicht heißen, dass früher alles besser war. Heute stehen uns deutlich mehr Forschung, bessere Messmethoden und wesentlich mehr Informationen zur Verfügung.

Dadurch können wir viele Details des Krafttrainings differenzierter einordnen. Die grundlegenden Prinzipien haben sich in den vergangenen 20 Jahren praktisch nicht verändert.

Sicher liegt genau darin eines der Probleme. Wir wissen heute mehr über Details, doch dieses zusätzliche Wissen führt nicht automatisch zu besserem Training.

Im Gegenteil: Häufig wird so lange über Übungsauswahl, Wiederholungsbereiche, Bewegungsumfang oder Trainingsmethoden diskutiert, bis das Wesentliche aus dem Blick gerät.

Man verbringt heute oft mehr Zeit in seinem Kopf und auf Social Media als im Gym und unter der Langhantel.

Wenn ich auf die vergangenen 20 Jahre zurückblicke, sehe ich keine Innovation, die das grundlegende Prinzip des Krafttrainings ersetzt hätte: Eine passende Übung auswählen, sie technisch sauber ausführen und über einen langen Zeitraum stärker werden. 

Oder einfacher gesagt: 

Schritt für Schritt mehr Scheiben auf die Langhantel packen.

Ich habe häufig den Eindruck, dass wir heute sehr viel Energie darauf verwenden, das letzte Prozent eines Trainingsplans zu optimieren, bevor die ersten 90 Prozent überhaupt stimmen.

Das Ziel eines guten Trainingsplans ist nicht, möglichst intelligent auszusehen. Das Ziel ist, stärker zu werden.

Wenn ich heute auf fast 20 Jahre Coaching sowie auf die Trainingsprogramme erfolgreicher Athleten der Jahrzehnte davor zurückblicke, dann hatten diese sehr unterschiedliche Trainingspläne. Eines hatten sie jedoch alle gemeinsam:

Sie haben konsequent trainiert, ihre Leistung über Jahre gesteigert und den Fokus nie verloren.

Daran hat auch die beste Innovation der letzten 20 Jahre nichts geändert.

 

„Ask the Coach“ ist die Kolumne in der Wolfgang Unsöld Eure Fragen zu Training & Ernährung beantwortet. Das gleichnamige Buch ist im Riva Verlag erschienen und direkt hier erhältlich

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