Ketogene Ernährung im Leistungssport

Ketogene Ernährung im Leistungssport

Diese Woche bekam ich von einer Newsletter Leserin folgende Frage:

Könnte eine ketogene Ernährung für ambitionierte Sportler sinnvoll sein oder bringt sie eher Nachteile für Leistungsfähigkeit, Regeneration und Muskelaufbau? Und macht es dabei einen Unterschied, welche Sportart man betreibt?

Die kurze Antwort lautet: Natürlich macht es einen Unterschied. Und zwar einen sehr großen.

Ein Powerlifter, ein Judoka und ein Marathonläufer betreiben alle Leistungssport.

Physiologisch stellen sie jedoch vollkommen unterschiedliche Anforderungen an ihren Körper und dessen Energiebereitstellung.

Bevor man darüber diskutiert, ob Keto im Leistungssport sinnvoll ist, müssen deshalb zwei andere Fragen beantwortet werden:

Was ist überhaupt eine ketogene Ernährung?

Und:

Welche Form von Leistung soll damit erbracht werden?

Genau an diesen beiden Punkten wird die Diskussion über Keto aus meiner Sicht häufig zu oberflächlich geführt.


Keto ist nicht einfach nur sehr wenig Kohlenhydrate

Die Begriffe Low Carb, No Carb und Keto werden häufig synonym verwendet. Das sind sie nicht.

Schon für Low Carb gibt es keine universelle Definition.

In wissenschaftlichen Arbeiten werden beispielsweise weniger als 130 g Kohlenhydrate pro Tag oder weniger als etwa 26 % der Energiezufuhr als Low Carb bezeichnet. 

Ketogene Ernährungsformen werden häufig über sehr niedrige Kohlenhydratmengen, oftmals weniger als 50 g pro Tag, definiert.

Das sind sinnvolle Richtwerte für Studien.

Für die einzelne Person interessiert mich aber etwas anderes.

Bist du tatsächlich in Ketose?

Denn eine Ernährung wird nicht dadurch ketogen, dass man ihr dieses Etikett gibt.

Der entscheidende Unterschied zwischen einer sehr kohlenhydratarmen und einer tatsächlich ketogenen Ernährung ist der Stoffwechselzustand.

Dabei entstehen Ketonkörper. Für die praktische Messung stehen grundsätzlich drei Möglichkeiten zur Verfügung: β-Hydroxybutyrat im Blut, Acetoacetat im Urin und Aceton in der Atemluft. Für die praktische Bestimmung ist β-Hydroxybutyrat im Blut aus meiner Sicht die interessanteste Messgröße. Als Ernährungs-Ketose wird häufig ein Wert ab etwa 0,5 mmol/l bezeichnet.

Das bedeutet gleichzeitig:

50 g Kohlenhydrate sind keine magische Grenze.

Der eine kann damit messbar in Ketose sein. Der andere nicht.

Genau hier unterscheidet sich meine praktische Definition teilweise von den vereinfachten Definitionen, die man häufig liest.

Aus meiner Erfahrung in der Praxis müssen überraschend viele Menschen ihre Kohlenhydratzufuhr praktisch auf null reduzieren und gleichzeitig darauf achten, dass Protein keinen zu großen Anteil ihrer Energiezufuhr ausmacht, um konstant entsprechende Ketonkörperwerte zu erreichen.

Als praktischen Richtwert verwende ich dabei häufig maximal etwa 30 % der Kalorien aus Protein.

Das ist keine physiologische Naturkonstante. Und es bedeutet ausdrücklich nicht, dass jeder Mensch oberhalb von 30 % Protein aus der Ketose fällt.

Es ist ein Richtwert, der sich in der Praxis tatsächlich bewährt hat.

Ein interessantes Beispiel dafür liefern Untersuchungen mit Weltklasse-Gehern. Dort lag die Proteinzufuhr einer ketogenen Gruppe bei etwa 2,1 g Protein pro Kilogramm Körpergewicht.

Das klingt zunächst nach sehr viel Protein.

Durch den enorm hohen Gesamtenergiebedarf dieser Athleten entsprach Protein allerdings nur einem relativ kleinen Anteil ihrer gesamten Energiezufuhr. Gleichzeitig kamen rund 78 % der Energie aus Fett und die Kohlenhydratzufuhr lag bei nur etwa 0,5 g pro Kilogramm Körpergewicht.

Das zeigt, warum Gramm Protein pro Kilogramm Körpergewicht und prozentualer Proteinanteil zwei vollkommen unterschiedliche Dinge sind.

Und es zeigt etwas noch Wichtigeres:

Wissenschaftliche Richtwerte geben eine Richtung vor. Dein Stoffwechsel entscheidet, wie diese Richtung individuell umgesetzt werden muss.

Deshalb würde ich bei jemandem, der tatsächlich ketogen leben möchte, nicht darüber diskutieren, ob 30, 40 oder 50 g Kohlenhydrate laut irgendeiner Definition noch Keto sind.

Ich würde messen.


Ernährung braucht kein Etikett

Das führt zu einem Grundprinzip meiner Ernährungsphilosophie.

Ich bin kein großer Freund davon, einer Ernährung ein Etikett zu geben und anschließend zu versuchen, den Menschen in dieses System zu pressen.

Keto. Low Carb. Paleo. Vegan. Carnivore. High Carb.

Sobald eine Ernährungsform ein starres Etikett bekommt, wird sie zwangsläufig für einen signifikanten Teil der Menschen nicht optimal sein.

Mein Ansatz ist der umgekehrte.

Ich beginne mit einer Handvoll Grundprinzipien und passe Ernährung anschließend Schritt für Schritt an die individuelle Person, ihre Reaktion, ihren Alltag und vor allem ihr Ziel an.

Das gilt für Kohlenhydrate genauso wie für Protein, Fett, Mahlzeitenfrequenz oder Lebensmittelauswahl.

Denn die interessante Frage ist nicht:

Welche Ernährungsform ist die beste?

Sondern:

Welche Ernährung ist für diese Person mit diesem Ziel unter diesen Umständen die beste?

Im Leistungssport kommt noch eine entscheidende Variable hinzu:

Welche Leistung soll überhaupt erbracht werden?


Powerlifting auf Keto ist nicht Judo auf Keto

Unser Körper besitzt unterschiedliche Möglichkeiten, ATP und damit unmittelbar nutzbare Energie für Muskelarbeit bereitzustellen.

Bei einer maximalen Belastung von wenigen Sekunden spielt das ATP-Phosphokreatin-System eine wesentlich größere Rolle.

Mit zunehmender Dauer und wiederholten hochintensiven Belastungen steigt die Bedeutung der Glykolyse und damit der Verfügbarkeit von Kohlenhydraten beziehungsweise Muskelglykogen.

Bei längeren Belastungen übernimmt die oxidative Energiebereitstellung einen immer größeren Anteil.

Diese Systeme arbeiten nicht wie drei Lichtschalter, von denen immer nur einer eingeschaltet ist. Sie überlappen sich permanent. Ihr relativer Anteil verändert sich aber erheblich mit Intensität und Dauer der Belastung.

Und genau deshalb ist die pauschale Frage nach „Keto im Leistungssport“ kaum sinnvoll.

Nehmen wir einen Powerlifter.

Seine entscheidende Wettkampfleistung besteht aus einzelnen maximalen Versuchen von wenigen Sekunden mit langen Pausen dazwischen.

Das ist energetisch etwas vollkommen anderes als ein Judokampf mit wiederholten explosiven Aktionen, Griffkampf, Beschleunigungen und hochintensiven, längeren Sequenzen.

Bei einer einzelnen kurzen Maximalleistung kann eine kohlenhydratarme Ernährung deshalb wesentlich weniger problematisch sein als bei wiederholten hochintensiven Belastungen.

Genau dieses Muster findet sich inzwischen auch in der Literatur. Einzelne kurze Maximalleistungen können unter kohlenhydratarmen und ketogenen Ernährungsformen erstaunlich gut erhalten bleiben. Wiederholte hochintensive Belastungen scheinen dagegen empfindlicher auf eine geringe Kohlenhydratverfügbarkeit zu reagieren.

Das ist für mich der entscheidende praktische Unterschied.

Ein schwerer Deadlift und sechs harte Runden BJJ sind nicht dieselbe metabolische Aufgabe.


Und was ist mit Ausdauersport?

Hier wird es besonders interessant.

Denn einer der stärksten Effekte einer ketogenen Ernährung ist die massive Steigerung der Fettoxidation.

Das ist real.

Trainierte Athleten können sich erstaunlich weit an eine sehr geringe Kohlenhydratverfügbarkeit anpassen. Unter Low-Carb- und ketogenen Ernährungsformen kann die Fettverbrennung deutlich ansteigen.

Der logische Schluss wäre deshalb zunächst:

Je länger die Belastung, desto sinnvoller müsste Keto werden.

Ganz so einfach ist es allerdings nicht.

Fett ist ein gigantischer Energiespeicher. Selbst ein sehr schlanker Athlet trägt enorme Energiemengen in seinem Fettgewebe mit sich herum.

Aber maximale Fettoxidation ist nicht dasselbe wie maximale Leistungsfähigkeit.

Kohlenhydrate können bei hoher Intensität ATP schneller bereitstellen und sind hinsichtlich der Energieausbeute pro verbrauchtem Sauerstoff günstiger als Fett. Genau das kann bei hoher Ausdauerleistung entscheidend werden.

Das wurde eindrucksvoll bei Weltklasse-Gehern gezeigt.

Nach einer ketogenen Ernährung stieg deren Fettoxidation massiv an. Gleichzeitig verschlechterte sich jedoch ihre Bewegungsökonomie. Für dieselbe Geschwindigkeit benötigten sie mehr Sauerstoff. Die Leistungsentwicklung fiel gegenüber Ernährungsstrategien mit höherer Kohlenhydratverfügbarkeit schlechter aus.

Dieser Befund konnte später reproduziert werden.

Das führt zu einer der wichtigsten Unterscheidungen dieses gesamten Themas:

Mehr Fettverbrennung bedeutet nicht automatisch mehr Leistung.

Und ebenso wichtig:

Mehr Fettverbrennung bedeutet nicht automatisch mehr Körperfettverlust.

Das sind unterschiedliche Dinge.


Sabastian Sawe und der schnellste Marathon der Geschichte

Ein hervorragendes aktuelles Beispiel dafür, wie individuell und gleichzeitig leistungsabhängig Ernährung sein kann, ist Sabastian Sawe.

Sawe lief beim London Marathon 2026 in 1:59:30 Stunden einen neuen Weltrekord und als erster Mensch einen offiziellen Marathon unter zwei Stunden.

Seine Ernährung rund um dieses Rennen ist interessant.

Sein Frühstück war ausgesprochen klein.

Zwei Scheiben Brot mit Honig und eine Tasse Tee.

Gleichzeitig wäre es vollkommen falsch, daraus eine Low-Carb-Geschichte zu machen.

In den beiden Tagen vor dem Rennen nahm Sawe gezielt große Mengen Kohlenhydrate zu sich. Direkt vor dem Start folgte ein Gel. Und während des Marathons nahm er durchschnittlich rund 115 g Kohlenhydrate pro Stunde auf.

Das ist für mich wesentlich interessanter als die Frage, ob sein Frühstück groß oder klein war.

Denn es zeigt sehr schön, was individuelle Ernährung tatsächlich bedeutet.

Sawe scheint unmittelbar vor dem Rennen mit relativ wenig Nahrung hervorragend zurechtzukommen. Gleichzeitig führt er während einer knapp zweistündigen maximalen Ausdauerleistung enorme Mengen schnell verfügbarer Kohlenhydrate zu.

Das eine widerspricht dem anderen nicht.

Es ist Feinjustierung.

Und genau darum geht es.

Ernährung ist kein Etikett. Sie ist die Anpassung verschiedener Variablen an einen individuellen Menschen und ein konkretes Ziel.


„Es funktioniert“ bedeutet nicht „es ist optimal“

Natürlich gibt es hervorragend trainierte Ausdauerathleten, die sich über lange Zeiträume sehr kohlenhydratarm ernähren und außergewöhnliche Leistungen erbringen.

Das überrascht mich physiologisch überhaupt nicht.

Der menschliche Stoffwechsel besitzt eine enorme Anpassungsfähigkeit. Gerade Athleten mit jahrelangem Ausdauertraining verfügen bereits über eine außergewöhnlich entwickelte oxidative Kapazität.

Entsprechend weit können sich solche Athleten auch an eine hohe Fettverfügbarkeit und geringe Kohlenhydratzufuhr anpassen.

Aber genau hier liegt ein Denkfehler, den wir bei Ernährung immer wieder machen:

Die Tatsache, dass etwas funktioniert, beweist nicht, dass es für jeden funktioniert.

Und noch wichtiger:

„Es funktioniert“ und „es ist optimal“ sind zwei vollkommen unterschiedliche Aussagen.

Ein Athlet kann auf Keto Weltklasseleistungen erbringen.

Daraus folgt nicht automatisch, dass Keto seine bestmögliche Ernährungsstrategie ist.

Umgekehrt beweist eine Studie, in der die durchschnittliche Leistung unter Keto schlechter ausfällt, nicht, dass kein einzelner Athlet damit hervorragend funktionieren kann.

Wissenschaft untersucht Gruppen und Wahrscheinlichkeiten.

In der Praxis trainieren wir Individuen.

Beides hat seinen Wert.


Je höher die wiederholte Intensität, desto interessanter werden Kohlenhydrate

Aus meiner Sicht entsteht daraus eine relativ einfache praktische Logik.

Je stärker eine Sportart von wiederholten hochintensiven Belastungen abhängig ist, desto skeptischer werde ich gegenüber einer dauerhaft ketogenen Ernährung.

Das betrifft beispielsweise Kampfsportarten, viele Teamsportarten, CrossFit und andere Sportarten mit wiederholten Sprints oder hochintensiven Belastungsspitzen.

Nicht weil der Körper ohne Kohlenhydrate plötzlich keine Leistung mehr erbringen kann.

Sondern weil wir die Frage nach optimaler Leistung stellen.

Im Ausdauerbereich ist das Bild komplexer.

Trainierte Athleten können nach entsprechender Adaptation ihre aerobe Leistungsfähigkeit teilweise erstaunlich gut erhalten. Gleichzeitig kann insbesondere bei höheren Geschwindigkeiten die schlechtere Bewegungsökonomie zum Problem werden.

Deshalb halte ich wenig von pauschalen Aussagen wie:

„Keto funktioniert nicht für Sportler.“

Das ist genauso unpräzise wie:

„Wenn du fettadaptiert bist, brauchst du keine Kohlenhydrate.“

Die entscheidende Frage lautet immer:

Was muss dieser Athlet wiederholt leisten?


Wo Keto interessant sein kann

Trotz dieser Einschränkungen halte ich Keto für ein sehr interessantes Werkzeug.

Eine ketogene Ernährung kann die Fettoxidation massiv erhöhen.

Sie kann für bestimmte Menschen die Kontrolle des Appetits erleichtern.

Sie kann eine Reduktion von Körpergewicht und Körperfett unterstützen.

Bei Sportarten mit Gewichtsklassen kann das interessant sein.

Bei überwiegend niedrigintensiven, langen Belastungen kann eine ausgeprägte Fettadaptation ebenfalls interessant sein.

Und manche Menschen fühlen sich subjektiv mit sehr niedriger Kohlenhydratzufuhr und entsprechend stabiler Energie hervorragend.

All das sind legitime Gründe, mit Keto zu experimentieren.

Aber ein Werkzeug ist kein Glaubenssystem.

Und genau dort liegt für mich eines der größten Probleme der gesamten Ernährungsdiskussion.


Die theoretische Energiedichte ist nicht das praktische Problem

Fett enthält mit etwa 9 kcal pro Gramm mehr als doppelt so viel Energie wie Kohlenhydrate oder Protein.

Rein mathematisch ist eine sehr fettreiche Ernährung deshalb sogar eine ausgesprochen effiziente Möglichkeit, viele Kalorien aufzunehmen.

In der Praxis sehe ich das trotzdem häufig anders.

Wer einen hohen Energiebedarf hat und einen sehr großen Teil davon dauerhaft über Fett decken muss, stößt teilweise auf Probleme mit Sättigung, Verdauung, Lebensmittelauswahl und schlicht der Menge an Fett, die täglich gegessen werden muss.

Dazu kommt der entscheidendere sportliche Unterschied:

Es geht nicht nur darum, wie viel Energie ein Nährstoff enthält.

Es geht darum, wie schnell und unter welchen Bedingungen diese Energie für die jeweilige Leistung bereitgestellt werden kann.

Ein Kilogramm Körperfett enthält gewaltige Energiemengen.

Das hilft dir aber nur begrenzt, wenn du in den nächsten 30 Sekunden maximale glykolytische Leistung benötigst.


Was nach einigen Wochen passiert, interessiert mich besonders

Eine Frage, die ich in Seminaren oft stelle, wenn das Thema Keto aufkommt, ist:

Wer von euch hat schon einmal Keto ausprobiert?

Meist gehen sehr viele Hände hoch.

Dann frage ich:

Wer hat es mehrere Wochen gemacht?

Viele Hände bleiben oben.

Und dann:

Wer hat es länger als drei Monate konsequent gemacht?

Oft bleibt nur noch eine Hand oben.

Manchmal keine.

Diese Beobachtung halte ich für relevant.

Denn es gibt einen großen Unterschied zwischen einer Ernährung, die physiologisch für drei Wochen funktioniert, und einer Ernährung, die jemand über Monate oder Jahre in seinem normalen Leben umsetzen kann.

In meiner Praxis und in vielen Gesprächen mit Menschen, die Keto ausprobiert haben, sehe ich kurzfristig durchaus positive Effekte.

Dazu können bessere Appetitkontrolle, Gewichtsverlust, subjektiv stabilere Energie und teilweise auch positive Veränderungen hormoneller Marker gehören.

Interessanterweise wurden in Studien unter ketogener Ernährung auch steigende Testosteronwerte beobachtet. Die Datenlage dazu ist allerdings überschaubar und Faktoren wie Gewichtsverlust spielen wahrscheinlich eine Rolle.

Über längere Zeit sehe ich persönlich jedoch wesentlich häufiger Probleme.

Vor allem Schlaf, Stimmung, Belastbarkeit und allgemeines Wohlbefinden verändern sich bei einem erheblichen Teil der Menschen, mit denen ich darüber spreche.

Diese Beobachtung mache ich seit Jahren so konstant, dass ich sie in der Praxis ernst nehme.

Und sie ist physiologisch durchaus plausibel. Kohlenhydratverfügbarkeit beeinflusst die Stressantwort auf körperliche und kognitive Belastung. Unter sehr niedriger Kohlenhydratzufuhr können sich Cortisol und die Cortisolantwort auf längere und intensivere Belastungen verändern. Gleichzeitig spielen Kohlenhydrate über verschiedene Mechanismen eine Rolle für Neurochemie, Serotonin und Schlaf.

Sehr vereinfacht wird daraus die Kausalkette:

Weniger Kohlenhydrate = weniger Serotonin = schlechterer Schlaf.

So einfach funktioniert menschliche Physiologie natürlich nicht. Interessanterweise zeigen einzelne Studien zumindest kurzfristig unter ketogener Ernährung sogar Verbesserungen bestimmter Schlafparameter.

Das unterstreicht meine praktische Einschätzung.

Kurzfristig kann Keto hervorragend funktionieren. Je länger eine konsequent ketogene Ernährung dauert, desto häufiger sehe ich Probleme mit Schlaf, Stimmung, Belastbarkeit und hormoneller Regulation.

Das bedeutet nicht, dass jeder diese Probleme bekommt. Es bedeutet auch nicht, dass wir bereits jeden Mechanismus dahinter vollständig verstanden haben.

Aber ich halte es für einen Fehler, eine über Jahre wiederkehrende praktische Beobachtung so lange zu ignorieren, bis irgendwann eine perfekte Langzeitstudie exakt dasselbe zeigt.

Wissenschaft ist für mich deshalb keine Grenze dessen, was ich beobachten darf. Sie hilft mir vielmehr einzuordnen, welche meiner Beobachtungen bereits gut erklärt sind, welche nur teilweise verstanden werden und bei welchen ich mit einer endgültigen Erklärung noch vorsichtig sein muss.

Bei Keto ist meine praktische Position deshalb klar: Kurzfristig sehe ich bei bestimmten Menschen und Zielen deutliche Vorteile. Als langfristige Ernährungsform bin ich insbesondere bei ambitionierten Sportlern deutlich skeptischer.

 

Wissenschaft und Praxis sind keine Gegner

Gerade Ernährung ist ein gutes Beispiel dafür, warum ich wenig davon halte, Wissenschaft und praktische Erfahrung gegeneinander auszuspielen.

Wissenschaft ist keine Sammlung endgültiger Wahrheiten.

Sie ist eine Methode, Hypothesen zu testen, Fehler aufzudecken und bestehende Modelle durch bessere zu ersetzen.

Das bedeutet zwangsläufig, dass sich wissenschaftliche Einschätzungen verändern.

Gleichzeitig besitzt praktische Erfahrung ihre eigenen Schwächen.

Wenn ich hundert Menschen beobachte und bei 70 davon dasselbe Phänomen sehe, ist das interessant.

Es beweist aber noch nicht, dass die von mir vermutete Ursache tatsächlich dafür verantwortlich war.

Vielleicht gab es andere gemeinsame Faktoren.

Vielleicht erinnere ich mich stärker an bestimmte Fälle.

Vielleicht habe ich eine selektierte Population vor mir.

Deshalb brauche ich beides.

Wissenschaft gibt Modelle, Mechanismen und Wahrscheinlichkeiten.

Praxis zeigt mir individuelle Variation, Probleme bei der Umsetzung und Phänomene, die kontrollierte Studien möglicherweise noch nicht ausreichend abbilden.

Fehler und Missverständnisse entstehen erst, wenn man eines von beiden absolut setzt.

 

Was bedeutet das nun für Keto im Leistungssport?

Für mich gibt es darauf keine universelle Antwort.

Und das ist kein Ausweichen vor einer klaren Position.

Es ist die klare Position.

Wer eine einzelne maximale Kraftleistung erbringen muss, hat andere Anforderungen als jemand, der zehn explosive Aktionen innerhalb einer Minute wiederholen muss.

Wer fünf Stunden bei relativ niedriger Intensität läuft, hat andere Anforderungen als jemand, der einen 800-Meter-Lauf bestreitet.

Und selbst zwei Athleten derselben Sportart können unterschiedlich auf dieselbe Kohlenhydratzufuhr reagieren.

Deshalb würde ich eine ketogene Ernährung bei einem Sportler niemals allein anhand des Etiketts beurteilen.

Ich möchte wissen:

Was ist die Sportart?

Wie lange dauern die entscheidenden Belastungen?

Wie hoch ist deren Intensität?

Wie häufig müssen hochintensive Aktionen wiederholt werden?

Wie hoch ist der Trainingsumfang?

Geht es um maximale Leistung, Körperkomposition oder eine Gewichtsklasse?

Wie reagiert der Athlet auf Kohlenhydrate?

Wie reagiert er auf große Fettmengen?

Wie entwickeln sich Schlaf, Stimmung und Regeneration?

Und wie lange soll Keto eingesetzt werden?

Und auch wenn das Ziel tatsächliche Ketose ist:

Wie hoch sind seine Ketonkörper wirklich?

Erst dann wird aus einer Ernährungsphilosophie eine individuelle Ernährungsstrategie.

Und basierend auf meiner Erfahrung aus den letzten 20 Jahren ist meine Position dazu klar: Im Leistungssport gibt es nur sehr wenige Fälle, in denen eine konsequent ketogene Ernährung nach Abwägung all dieser Faktoren tatsächlich die beste Lösung ist. Noch seltener sehe ich Fälle, in denen sie langfristig die beste Lösung bleibt.

Das bedeutet nicht, dass Keto im Leistungssport grundsätzlich nicht funktionieren kann. Die Beispiele in diesem Artikel zeigen das Gegenteil. Aber funktionieren und optimal sein sind zwei unterschiedliche Dinge.

Die aus meiner Sicht interessantesten und sinnvollsten Einsatzgebiete einer ketogenen Ernährung liegen deshalb überwiegend außerhalb des Leistungssports.

 

Keto ist ein Werkzeug, keine Identität

Ich halte Keto für ein hochinteressantes metabolisches Werkzeug.

Der menschliche Körper kann seine Fettverbrennung unter einer ketogenen Ernährung in einem beeindruckenden Ausmaß steigern. Manche Athleten können damit selbst auf sehr hohem Niveau erfolgreich sein. Für bestimmte Ziele, Belastungsformen und Menschen kann eine solche Ernährung sehr gut funktionieren.

Das bedeutet aber nicht, dass maximale Fettverbrennung automatisch maximale Leistungsfähigkeit bedeutet.

Es bedeutet nicht, dass ein Athlet, der auf Keto erfolgreich ist, mit Keto zwangsläufig seine maximale Leistung erreicht.

Und es bedeutet erst recht nicht, dass eine Ernährungsstrategie deshalb auf einen anderen Athleten übertragen werden sollte.

Genau deshalb interessiert mich am Ende nicht, welches Etikett auf einer Ernährung steht.

Mich interessiert, was der Mensch vor mir erreichen möchte und wie sein Körper tatsächlich darauf reagiert.

Keto ist dafür eine mögliche Option.

Nicht mehr und auch nicht weniger.

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