Talent wird überschätzt

Talent wird überschätzt

 „Er hat halt Talent.“

Kaum ein Satz wird im Sport häufiger verwendet und kaum ein Satz ist irreführender.

Denn oft dient er als bequeme Erklärung, warum andere scheinbar mühelos etwas erreichen, während man selbst stagniert. 

Talent wird zum Mythos, und oft zu einer Ausrede:

Wer es nicht hat, könne nichts erreichen. 

Wer es hat, müsse kaum etwas tun.

Doch die Realität sieht anders aus.

Natürlich gibt es körperliche Voraussetzungen, die in bestimmten Sportarten einen Vorteil bedeuten – Körpergröße im Basketball, lange Beine im Verhältnis zum Torso beim Ausdauersport, Hebelverhältnisse im Gewichtheben.

Aber das erklärt nur einen kleinen Teil des Erfolgs.

Vieles, was später als „Talent“ bezeichnet wird, ist in Wahrheit das Resultat von konsequenter, kohärenter Entwicklung: früh gesetzte Trainingsreize, die richtigen Entscheidungen zur richtigen Zeit und die Fähigkeit, über Jahre hinweg die Summe kleiner Fortschritte zu akkumulieren.

Talent ist ein Potenzial – nicht mehr, nicht weniger.

Was daraus wird, entscheidet nicht das Schicksal, sondern die Summe der Entscheidungen, die jemand trifft, und die Konsequenz, mit der er sie über lange Zeit verfolgt.


Was Talent wirklich ist

Talent ist kein magisches Geschenk.

Es beschreibt Potenzial – die individuellen Voraussetzungen, mit denen jemand startet.

Dieses Potenzial kann biologisch, genetisch oder entwicklungsbedingt sein.

Beispiele für biologisches Potenzial:

Körpergröße: Über 2 m zu sein, schafft im Basketball einen strukturellen Vorteil. Unter 1,70 m zu sein, bedeutet eine deutlich geringere Wahrscheinlichkeit, auf höchstem Niveau mitzuspielen.

Hebelverhältnisse: Lange Arme und kurze Beine begünstigen das Kreuzheben. Kurze Oberschenkel und ein langer Oberkörper sind bei Kniebeugen von Vorteil.

Stoffwechsel-Tendenzen: Menschen, die leicht Muskelmasse und Kraft aufbauen, haben tendenziell mehr Schwierigkeiten, Körperfett niedrig zu halten. Umgekehrt fällt es sehr schlanken Personen oft schwer, Muskulatur aufzubauen. Es sind Tendenzen, keine festen Gesetze – aber sie beeinflussen die Ausgangslage.

Potenzial ist jedoch keine Garantie.

Viele, die hervorragende Voraussetzungen haben, bleiben weit unter ihren Möglichkeiten.

Andere mit scheinbar ungünstigen Voraussetzungen schaffen es durch konsequente Arbeit, kluge Entscheidungen und richtig gesetzte Trainingsreize erstaunlich weit.

 

Frühkindliche Entwicklung – das unsichtbare Fundament

Ein großer Teil dessen, was später als Talent bezeichnet wird, ist in Wahrheit das Ergebnis früher Entwicklung.

Kindheit (ca. 8–12 Jahre):
In dieser Phase ist das Nervensystem besonders anpassungsfähig.

Fähigkeiten wie Schnelligkeit, Reaktionsvermögen und Koordination lassen sich in diesen Jahren besonders gut entwickeln.

Kinder, die in dieser Zeit Sprint, Sprung oder Ballspiele trainieren, schaffen eine Grundlage, die später nur schwer oder gar nicht vollständig aufgeholt werden kann.

Im Erwachsenenalter sind zwar weitere Fortschritte möglich, doch das Ausgangsniveau hängt stark von den gesetzten Reizen in dieser sensiblen Phase ab.

Pubertät (ca. 12–18 Jahre):
In der Pubertät herrscht durch hohe Spiegel von Testosteron, Wachstumshormon und anderen anabolen Hormonen ein einzigartiges Umfeld.

Es macht diese Phase besonders günstig für Kraft- und Muskelentwicklung.

Auch nach der Pubertät sind Fortschritte möglich, doch in dieser Lebensphase können Athleten eine Basis legen, die in ihrer Dynamik später kaum noch erreicht wird – und ihnen ein Leben lang Vorteile verschafft.

Vieles, was später „Talent“ genannt wird – etwa Explosivität im Gewichtheben oder Reaktionsschnelligkeit im Kampfsport –, ist also nicht angeboren, sondern in Wahrheit früh entwickelt.


Das Beispiel Gewichtheben

Vor Jahren habe ich mich mit einem ehemaligen Bundestrainer im Gewichtheben hat diesen Zusammenhang verdeutlicht.

Während des CrossFit-Booms kamen viele Athleten spät zum Gewichtheben.

Sie brachten Kraft mit, doch eine entscheidende Fähigkeit fehlte:

Die Schnelligkeit, sich blitzschnell unter die Hantel zu bewegen.

Der Bundestrainer erklärte, dass Athleten, die diese Fähigkeit in jungen Jahren entwickeln, sie meist ein Leben lang behalten.

Wer sie erst sehr spät trainiert, kann Fortschritte erzielen, bleibt jedoch fast immer hinter dem Niveau zurück, das durch frühe Entwicklung möglich gewesen wäre.

Dieses Beispiel zeigt: Viele Faktoren, die nach außen wie „Talent“ wirken, sind in Wahrheit früh entwickelte Fähigkeiten.


Hartes Training – notwendig, aber nicht der Unterschied

Hartes Training, im Sinne von forderndem Training, ist eine Grundvoraussetzung.

Niemand erreicht ein hohes Leistungsniveau ohne Einsatz.

Doch hartes Training allein erklärt keine Spitzenleistung.

Etwas auf das ich auch vor Jahren in meinem Artikel "The Illusion of Hard Work" eingegangen bin.

Denn gerade im Training führt der Glaube, „noch härter“ sei immer besser, schnell in die Sackgasse. 

Denn:

Forderndes Training: Training außerhalb der Komfortzone, aber so gesteuert, dass messbare Progression möglich bleibt.

Zu hartes Training: Zu weit außerhalb der Komfortzone – der Körper kann nicht mehr adaptieren, Fortschritt stagniert oder Verletzungen treten auf.

Auf fortgeschrittenem Niveau ist „einfach härter trainieren“ fast nie die Lösung.

Im Gegenteil: Es ist oft die Ursache für Stillstand. 

Der Unterschied liegt nicht in der Härte, sondern in der Qualität der Entscheidungen.


Entscheidungen und Kohärenz

Was trennt diejenigen, die ihr Potenzial ausschöpfen, von denen, die scheitern?

Es sind die kontinuierlich richtigen Entscheidungen, getroffen über lange Zeiträume hinweg.

• Nicht die eine magische Übung.

• Nicht das eine „Talent“.

• Sondern ein kohärentes Gesamtsystem, das sich durch kleine, stetige Verbesserungen entwickelt.

Kohärenz bedeutet:

• Eine klare Vision, wohin man will.

• Ein System, in dem alle Entscheidungen zusammenpassen.

• Keine ständigen Richtungswechsel, die den Fortschritt immer wieder auf null setzen.


Praxisbeispiele für die Summe kleiner Fortschritte

Krafttraining: Wer über Jahre hinweg Technik verfeinert, konstante kleine Laststeigerungen dokumentiert und Regeneration optimiert, macht größere Fortschritte als jemand, der ständig Programme wechselt.

Athletiktraining: Ein Athlet, der Sprinttechnik, Sprungkraft und Rumpfstabilität konsequent verfeinert, wird explosiver – nicht, weil er mehr Talent hat, sondern weil er über Jahre konsistent gearbeitet hat.

Stoffwechsel: Wer seine Ernährung Schritt für Schritt optimiert – kleine Stellschrauben bei Proteinzufuhr, Schlaf, Mikronährstoffdefizite auffüllen –, baut über Jahre ein System, das nachhaltige Leistungsfähigkeit ermöglicht.


Warum Talent als Ausrede dient

Viele Athleten, die nicht weiterkommen, schieben es auf „fehlendes Talent“.

In Wahrheit bedeutet das oft: Sie übernehmen keine Verantwortung.

Denn wer sagt „ich habe kein Talent“, entlastet sich von der Pflicht, Entscheidungen und Systeme zu hinterfragen.

Natürlich gibt es Grenzen: Nicht jeder wird Elite-Sprinter, egal wie konsequent er trainiert.

Aber fast jeder unterschätzt, wie weit er seine eigenen Möglichkeiten durch konsequente Entscheidungen ausschöpfen kann.


Fazit – Die Wahrheit über Talent

Talent ist real – es wird jedoch konstant überschätzt und missverstanden.

Talent bedeutet Potenzial, keine Garantie.

Vieles, was als Talent erscheint, ist in Wahrheit früh entwickelte Fähigkeit.

Hartes Training ist notwendig, aber definitiv nicht das entscheidende Unterscheidungsmerkmal.

Zu hartes Training verhindert Fortschritt.

Der eigentliche Unterschied entsteht durch ein kohärentes System, klare Entscheidungen und die Summe kleiner Fortschritte über viele Jahre.

Wer Talent als Ausrede nutzt, verschenkt Entwicklungschancen.

Wer Verantwortung übernimmt, konsequent durchdachte Entscheidungen trifft und über Jahre hinweg an den Details arbeitet und sie optimiert, schöpft sein Potenzial aus – unabhängig davon, wie groß oder klein sein „Talent“ am Anfang war.

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