Warum Probiotika deinen Darm nicht „aufbauen“

Warum Probiotika deinen Darm nicht „aufbauen“

...und warum ich sie in der Praxis nicht einsetze.

Probiotika gehören seit Jahren zu den bekanntesten Nahrungsergänzungsmitteln.

Was sind Probiotika?

Der Begriff „Probiotika“ wird im allgemeinen Sprachgebrauch für Präparate verwendet, die lebende Mikroorganismen enthalten, meist bestimmte Bakterienstämme.
Rechtlich handelt es sich dabei um Nahrungsergänzungsmittel mit zugesetzten, vermehrungsfähigen Mikroorganismen. Eine gesundheitliche Wirkung ist mit dem Begriff selbst nicht automatisch verbunden.

Viele Menschen verwenden sie mit der Vorstellung, dass sie zur „Neubesiedlung“ des Darms beitragen oder die sogenannte Darmflora „wiederaufbauen“.

Diese Annahme klingt auf den ersten Blick nachvollziehbar – sie basiert jedoch nicht auf dem heutigen wissenschaftlichen Verständnis.

In diesem Artikel geht es darum, wie Probiotika ursprünglich gedacht waren, was moderne Forschung tatsächlich zeigen konnte und warum sie in meiner praktischen Arbeit seit vielen Jahren keine relevante Rolle mehr spielen.

 

Woher der Mythos stammt: Die frühe Idee der „Darmneubesiedlung“

Als Mikrobiomforschung und Genomsequenzierung noch in den Anfängen standen, ging man davon aus, dass Probiotika verlorene Bakterienstämme ersetzen oder den Darm neu besiedeln könnten.

Diese Überlegung war theoretisch plausibel – es gab jedoch keine empirischen Daten, die diese Annahme bestätigten.

Mit dem technischen Fortschritt wurde deutlich, dass das menschliche Mikrobiom ein hochkomplexes, individuelles System ist, das sich nicht einfach durch einige zugeführte Bakterienstämme verändern lässt.

 

Was moderne Forschung zeigt: Keine belastbaren Daten für eine langfristige Etablierung

In vielen Studien sind probiotische Stämme überwiegend vorübergehend nachweisbar und etablieren sich häufig nicht dauerhaft, zudem reagieren Menschen sehr unterschiedlich.

Warum ist das so?

1. Das Mikrobiom ist hochdivers und stabil

Das menschliche Darmmikrobiom umfasst mehrere hundert bis über tausend verschiedene Arten und Stämme.
Dieses komplexe Netzwerk weist eine ausgeprägte Stabilität und Kolonisationsresistenz auf – ein Mechanismus, der verhindert, dass neue Stämme langfristig Fuß fassen.

2. Probiotika enthalten im Vergleich nur wenige Stämme

Die meisten handelsüblichen Probiotika bestehen aus wenigen ausgewählten Stämmen, teilweise nur einem, einer Handvoll oder einigen Dutzend.
Damit bleibt ihre Diversität weit hinter der Vielzahl mikrobieller Arten im menschlichen Darm zurück.

3. Wissenschaftliche Beobachtung: vorübergehende Passage

Studien zeigen, dass probiotische Mikroorganismen typischerweise:

– den Verdauungstrakt passieren
– dabei kurzfristig nachweisbar sind
– und anschließend wieder ausgeschieden werden

Das bedeutet:
Sie ersetzen keine bestehenden mikrobiellen Gemeinschaften und verändern das Mikrobiom nicht strukturell.

 

Probiotika nach Antibiotika: Ein verbreitetes Missverständnis

Viele Menschen greifen nach einer Antibiotikatherapie zu Probiotika in der Annahme, das Mikrobiom gezielt zu unterstützen oder wiederherzustellen.

Die wissenschaftliche Datenlage ist jedoch differenziert:

In ersten tierexperimentellen Modellen* zeigte sich, dass einzelne probiotische Stämme nach einer Antibiotikagabe die Wiederherstellung bestimmter mikrobieller Funktionen unterschiedlich beeinflussen können – teilweise beschleunigend, teilweise verzögernd. Diese Effekte sind stammspezifisch und lassen sich nicht unmittelbar auf den Menschen übertragen.

Diese Beobachtung ist ein wichtiger Hinweis darauf, dass ein kompliziertes System wie das Mikrobiom anders funktioniert, als es ursprünglich vermutet wurde.

Die Regeneration scheint in vielen Fällen maßgeblich ein endogener Prozess zu sein, der auf der eigenen mikrobiellen Restpopulation basiert.

 

Was Forschung an Probiotika untersucht – ohne Gesundheitsversprechen

In wissenschaftlichen Studien werden Probiotika vor allem hinsichtlich ihrer kurzfristigen biologischen Interaktionen untersucht. Dazu zählen beispielsweise:

– Kontakt mit der Schleimhaut
– Auseinandersetzung mit dem bestehenden Mikrobiom
– biochemische Aktivität während der Passage
– vorübergehende Veränderungen von Stoffwechselprodukten

Diese Befunde beschreiben Beobachtungen, keine dauerhaften oder gesundheitsbezogenen Wirkmechanismen.

Für meine praktische Arbeit spielen diese kurzzeitigen experimentellen Aspekte keine relevante Rolle.

 

Warum Probiotika häufig überschätzt werden

Die verbreitetste Fehlannahme besteht darin, dass Probiotika den Darm „aufbauen“ oder strukturell verändern könnten.
Diese Vorstellung wird durch moderne Forschung nicht gestützt.

Hinzu kommt, dass in der Öffentlichkeit häufig Erwartungen an Probiotika verknüpft werden, die über das hinausgehen, was wissenschaftlich überhaupt untersucht wurde.

In meiner praktischen Arbeit stehen andere Faktoren wie Ernährung, Schlaf, Belastungssteuerung oder Lebensstil deutlich stärker im Fokus.

 

Warum ich Probiotika seit Jahren nicht einsetze

In meiner Praxis haben Probiotika über viele Jahre hinweg keine signifikanten Vorteile gezeigt, die den Einsatz rechtfertigen würden.

Sie spielen bei meinen Kunden weder im Training noch im Alltag eine relevante Rolle im Vergleich zu den Stellschrauben, die nachweislich großen Einfluss haben.

Deshalb nutze ich Probiotika in meiner Arbeit seit vielen Jahren nicht.

Nicht, weil sie grundsätzlich problematisch wären, sondern weil ihre Relevanz im Gesamtbild sehr gering ist.

 

Fazit

Zusammengefasst:

Für eine strukturelle und dauerhafte „Neubesiedlung“ des Mikrobioms durch oral eingenommene Probiotika gibt es nach aktuellem Forschungsstand keine belastbaren Belege.

Probiotische Stämme sind in Studien meist nur vorübergehend nachweisbar.

• Sie enthalten nur wenige Stämme im Vergleich zur tatsächlichen Diversität des Mikrobioms

• In ersten Studien wurden verzögerte Regenerationsverläufe nach Antibiotika beobachtet

• Forschung betrachtet hauptsächlich kurzfristige Interaktionsphänomene

Probiotika sind ein interessantes Forschungsthema – aber kein Instrument, das das Mikrobiom strukturell verändern oder den Darm neu besiedeln und "aufbauen" kann.

Gerade deshalb setze ich Probiotika in meiner Arbeit seit Jahren nicht ein.

 

Quelle: * Foley, M. H. et al. (2025). Differential modulation of post-antibiotic colonization resistance to Clostridioides difficile by two probiotic Lactobacillus strains. mBio.

Hinweis: Dieser Artikel dient der wissenschaftlichen Einordnung des aktuellen Forschungsstandes und stellt keine medizinische Beratung dar.

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